Thema: Autismus
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Autismus

Das Leben wie hinter einer Glaswand

Von Dipl.-Psych. Helena Harms

 

Sie schauen durch andere Menschen hindurch. Sie scheinen keinen Trost und keine Zuwendung zu brauchen, am liebsten sind sie allein. Ihre Sprache ist arm. Ihre Reaktionen auf die ganz gewöhnlichen Dinge des Alltags oft merkwürdig. Autistische Menschen – ein Volk, das nach seinen eigenen Gesetzen lebt.

Autismus ist eine relativ seltene Erkrankung: von 10.000 Kindern sind circa drei betroffen, Jungen drei- bis viermal so häufig wie Mädchen. Und trotzdem ist diese Krankheit vielen bekannt, häufig verbunden mit dem Bild eines Autisten, der zwar mit einfachen Dingen des Lebens nicht klar kommt, dafür aber in bestimmten Bereichen zu erstaunlichen Leistungen fähig ist. Das erstaunliche Zahlen-Gedächtnis oder Zeichnungsbegabung sind die bekanntesten Beispiele dafür. Auch diese Art von Autismus gibt es. In den meisten Fällen ist die Realität jedoch weit davon entfernt.

Eine autistische Erkrankung muss nicht zwangsläufig mit einer Intelligenzminderung einhergehen. Fast 30% der Autisten wären in der Lage, eine normale Schule zu besuchen, viele sind sogar hochbegabt. Mit ihrem Alltag würden diese Menschen auch relativ gut klar kommen, wenn sie nicht ständig auf ungesprochene soziale Konventionen stoßen würden. Nur die Gefühle und Wünsche anderer nachzuempfinden, fällt ihnen schwer. Es muss sich so anfühlen, als wäre eine Wand zwischen ihnen und dem Rest der Welt. Sie sehen keinen Grund, sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen. Die Hänseleien der Mitschüler stören sie genau so wenig, wie die Aufregung der Lehrer. Wenn sie auch noch dazu neigen, immer wieder dieselbe stereotype Handlung zu wiederholen oder auf das Einhalten einer bestimmten Ordnung zu bestehen, sind arge Schwierigkeiten spätestens nach dem Schuleintritt nicht zu vermeiden. Oft gehen diese so weit, dass trotz der hohen Intelligenz eine Sonderschule gesucht werden muss. Aber trotz solcher Schwierigkeiten hat diese Gruppe von Autisten die besten Chancen, als Erwachsene ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Das mangelnde Gefühl für andere Menschen kann häufig durch bewusstes Verständnis für Regeln der zwischenmenschlichen Kommunikation kompensiert werden.

Schwieriger haben es viele andere, bei denen Autismus mit einer geistigen Behinderung einhergeht. Zwei wichtige Schlüssel zum Verständnis der Welt – der rationale Verstand und das emotionale Mitgefühl – fehlen ihnen. Sie haben kaum eine Chance, ihre Wünsche und Sorgen mitzuteilen, ihre plötzlichen Stimmungswechsel wirken daher chaotisch und sind für uns, „die Normalen“, kaum nachzuvollziehen. Häufig schreien oder lachen sie ganz plötzlich ohne Vorwarnung los, rennen weg, greifen jemanden an, ohne dass ein Grund dafür erkennbar wäre. Manchmal haben sie wirklich außergewöhnliche Fähigkeiten auf einem Gebiet, ihre Unberechenbarkeit im Alltag wird dadurch aber bei weitem nicht kompensiert. Die Sprache bleibt ungelenk. Oft beschränken sich diese Kinder darauf, die gehörten Phrasen oder Wörter nachzusprechen oder wiederholen immer dieselben stereotypen Sätze. Sie nehmen von sich aus keinen Kontakt mit anderen Menschen auf, spielen nicht mit anderen Kindern, machen die alltäglichen Handlungen der Erwachsenen nicht nach. Veränderungen werden kaum geduldet: der Weg vom Kindergarten muss immer derselbe sein, das Spielzeug exakt an derselben Stelle eingeräumt werden. Dadurch entstehen häufig auch viele Rituale, die strengstens eingehalten werden müssen. Auch die Neigung zu stereotypen Handlungen und Bewegungen – etwas immer wieder in die Luft werfen, einen Gegenstand hin und her schieben, Schaukeln oder auf etwas Klopfen – ist für Autismus typisch.

Obwohl die Symptome einleuchtend erscheinen, ist die Diagnose in der Realität meistens sehr schwierig. Es gibt eine Menge psychischer Störungen, die im frühen Kindesalter auftreten und vom Autismus nur sehr schwer zu unterscheiden sind. Eine davon ist frühkindliche Sprachstörung, in Fachkreisen frühkindliche Aphasie genannt. Auch eine geistige Behinderung und die Vernachlässigung im frühen Kindesalter können Charakterzüge hervorrufen, die „autistisch“ anmuten. Der Grund dafür ist naheliegend: durch derart ungünstige Bedingungen haben die Kinder oft keine Chance, ein altersentsprechendes soziales Verhalten zu entwickeln. Sie ziehen sich zurück und entwickeln, ähnlich wie Autisten, stereotype Bewegungsmuster. Die Ursache liegt in diesen Fällen aber nicht an mangelndem Mitgefühl mit anderen Menschen.

Und was ist die Ursache von Autismus? Lange Zeit vermutete man den Einfluss des Elternhauses dahinter. Die in der psychiatrischen Literatur beschriebenen Einzelfälle schienen diese Vermutung zu bestätigen. Scheinbar waren es häufig zurückgezogene und sozial abgekapselte Menschen, die autistische Kinder hatten. Die spätere Forschung ging von dieser Hypothese weg. Es fiel auf, dass die meisten Betroffenen neben dem Autismus auch weitere Behinderungen haben. Neben der geistigen Behinderung treten Seh- und Hörschäden sowie Epilepsie besonders häufig auf. Daher vermutete man, dass angeborene Störungen im Gehirn die Ursache von Autismus sein könnten. Weitere Forschung bestätigte diese Hypothese. Man konnte aber keine spezifische Störung finden, die immer mit dem Autismus einhergeht.

Es ist bis heute nicht gelungen, Medikamente gegen autistische Symptome zu finden. Die Therapie richtet sich überwiegend darauf, ein sicheres Umfeld zu schaffen, in dem sich die Betroffenen wohlfühlen. In den meisten Fällen heißt das, dass Räumlichkeiten und Wege überschaubar gehalten werden und alltägliche Aktivitäten auf feste Rituale aufbauen. Nichts darf in dieser Welt ohne Not verändert werden. Erst in dieser sicheren Umgebung kann man versuchen, die sozialen Kontakte der Betroffenen auszubauen und ihnen Schritt für Schritt die Normen des menschlichen Zusammenlebens beizubringen. Die Prognose ist dabei um so besser, je weniger andere Behinderungen neben dem Autismus vorliegen.

 

Vertiefende und weiterführende Literatur:

Kehrer HE (2000) Autismus. Asanger

Keulen K et al. (2003) Zu niemandem ein Wort. Piper

Lelord G, Rothenberger A (2000) Dem Autismus auf der Spur. Vandenhoeck & Ruprecht

Nieß N, Dirlich-Wilhelm H (1995) Leben mit autistischen Kindern. Herder

 

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Veröffentlicht am 17. Februar 2004

 

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