Thema: Kinder 1
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Einzelkinder und Geschwisterkonstellationen

Über die Rollen von Kindern in ihren Familien (Teil 1)

Von Dipl.-Psych. Andrea Richter


     Manche wollen viele, etliche haben (noch) keine, zahlreiche leben mit einem oder mehreren, und wir alle sind bzw. waren es: Kinder nämlich. Kindsein ist ein Erfahrungsschatz, auf den wir ein Leben lang zurückgreifen. Als Eltern suchen wir in unseren Kindern mehr oder weniger uns selbst. Wir suchen nach dem, was wir einmal waren oder sein wollten bzw. nicht waren, nicht sein wollten oder gar durften.

     Die verschiedenen Facetten dieser Erfahrungen begleiten uns ständig, ob wir nun Einzelkind, Älteste/r, Mittlere/r, Jüngste/r oder Zwilling sind - sie beeinflussen unsere Partnerwahl, wirken sich im Berufsleben aus, bestimmen die erwünschte Anzahl eigener Kinder und unser Erziehungsverhalten als Mutter oder Vater.

     Die folgenden Beschreibungen der verschiedenen Konstellationen sollten Sie als Darstellung möglicher Unterschiede verstehen, die sich ergeben können, aber nicht zwangsläufig ergeben müssen. Ihre persönlichen Erfahrungen, der Anlass Ihrer Entscheidung zu einer bestimmten Kinderzahl sowie Ihr sozialer und materieller Hintergrund haben maßgeblichen Einfluss auf die Erziehung Ihrer Kinder. Daher soll die Beschreibung möglicher „Fußangeln“ sensibilisieren helfen, bestimmte Verhaltensweisen Ihrer Kinder besser einordnen zu können.

Einzelkinder

     Um das Einzelkind ranken sich spezielle Mythen. Vielfach gilt es als verwöhnt, unselbständig, altklug, in der Schule oft als Streber und Egoist. Obwohl es das „typische“ Einzelkind an sich gar nicht gibt. Denn auch Geschwister mit großem Altersabstand, Nachzügler oder das gemeinsame Kind von neuen Partnern nach einer Trennung können wie ein Einzelkind groß gezogen werden.

     Welche möglichen Unterschiede bestehen beim Heranwachsen Ihres einzigen Kindes im Vergleich zu mehreren? Innerhalb der Familie ist ein Einzelkind ohne gleichaltrige Rivalen, mit dem es Ihre emotionale und materielle Zuwendung teilen muss. Konkurrenzlos erhält es all das, was ihm zusteht. Eine direkte Vergleichs- und deshalb auch Streitmöglichkeit um die Wahrung einer gerechten Verteilung entfällt. Bleibt Ihr Kind allein, dann fehlt ihm - im Gegensatz zu mehreren Geschwistern - die Erfahrung der sogenannten Entthronung - eine Situation, die erstgeborene Kinder sehr bewusst miterleben können, wenn ein weiteres Familienmitglied auftaucht und sie aus dem Mittelpunkt des Geschehens rücken. Kein weiteres Geschwisterkind rangelt mit ihm um Position und Stellung in der Familie. Ohne Konkurrenz darf es allein elterliche Gunst genießen, dazu oft auch die der Großeltern. Dementsprechend entfallen typische Machtkämpfe und Geschwisterkonflikte, so dass Einzelkindern andere Kapazitäten zur Verfügung stehen. Sie setzen sich beispielsweise intensiver mit Dingen auseinander, die es besonders interessieren. Im häuslichen Alltag besitzt Ihr Kind zwar ungeteilte Aufmerksamkeit, dadurch fehlt ihm aber der tägliche Kontakt mit Gleichaltrigen, geht es nicht in eine entsprechende Einrichtung.

     Sie sind als Eltern in jungen Jahren sein wichtigster Ansprechpartner. Das zeigt Auswirkung auf die Kommunikation mit anderen Erwachsenen und Kindern. Aus diesem Grund verstehen es Einzelkind häufig besser, auf Erwachsene einzugehen und diese für ihre ganz persönlichen Interessen zu mobilisieren. Einerseits werden sie eher zu Vertrauten ihrer Eltern (eventuell auch besonders zu einem Elternteil), andererseits fehlen dem Einzelkind verbündete Geschwister als moralische Unterstützung in manchen Konfliktsituationen, z.B. um das Aufdecken von „Schandtaten“ herauszuzögern. Geschwister können sich gegen ihre Eltern verbünden oder sich Halt und Ablenkung geben, wenn Eltern Partnerprobleme bewältigen müssen - eine Möglichkeit, die einem einzelnen Kind nicht zur Verfügung steht.

     Somit haben Einzelkinder nicht bessere oder schlechtere, sondern eben andere Bedingungen, um Selbstvertrauen und den Glaube an die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Pseudozwillinge und Geschwisterpärchen

     Zwei Kinder gelten landläufig als normal, drei rufen schon ein wenig Verwunderung hervor, vier Kinder sind fast außergewöhnlich und Eltern mit noch mehr Kindern werden ganze Fernsehsendungen gewidmet.

     Wurden Ihre Kinder in kurzer Zeit hintereinander geboren, mussten sie sehr zeitig lernen, Ihre Aufmerksamkeit zu teilen. Deshalb verwendet man auch den Begriff der sogenannten „Entthronung“ beim Erstgeborenen, das bis dahin als Einzelkind aufwuchs - eine Erfahrung, die z.B. Zwillingen fehlt. Ein geringer Altersunterschied lässt Geschwisterpärchen häufig als sogenannte Pseudozwillingen heranwachsen, bei dem das ältere Kind seine Position dem jüngeren gegenüber stärker behaupten muss. Machtkämpfe und Streitereien zwischen gleich- und gegengeschlechtlichen, kurz nacheinander geborenen Geschwistern beschäftigen Eltern in einem anderen Umfang als beispielsweise bei der offensichtlichen Unterscheidung zwischen einem ältesten und jüngsten Kind. Diese Unterscheidung wird erst bei einem Altersabstand von mehr als 3 Jahren eindeutig. Auf Grund der entwicklungsbedingten Nähe können verstärkt Aggressionen auftreten, weil diese Geschwister in einer besonderen Konkurrenzsituation leben. Sie müssen sich möglicherweise übertrumpfen, um ihre Position zu behaupten. Mädchen gehen damit anders um als Jungen - sie wetteifern eher in punkto Weiblichkeit, während zwei Brüder Gerechtigkeit und Aufrechterhaltung der Rangfolge „ausfechten“.

     Eine Besonderheit bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern besteht auch darin, dass z.B. die jüngere von zwei Schwestern ihren ganz individuellen Platz in der Familie gegenüber zwei „älteren“ Frauen erkämpfen muss. Der jüngere von zwei Brüdern befindet sich Bruder und Vater gegenüber in ähnlicher Situation. Die Kombination großer Bruder/ kleine Schwester - und umgekehrt - gewährt dem ältesten Kind eine eindeutige Führungsposition, die es nicht ständig verteidigen muss.

Mehr als zwei Kinder

     Manchmal geraten bei mehreren, insbesondere bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern vor allem die mittleren in eine vermeintliche Klemme - in die sogenannte „Sandwichposition“. Mittleren Kindern könnte Gefahr drohen, übersehen zu werden. Im Unterschied dazu muss sich ein gegengeschlechtliches mittleres Kind  um seine eigene Identität nicht in dem Umfang sorgen, wie eine Schwester zwischen Schwestern oder ein Bruder zwischen Brüdern. Bei diesen Konstellationen spielt Ihr klares Auftreten als Mutter oder Vater als Identifikationsmöglichkeit für die Kinder eine wesentliche Rolle, weil Sie es in Ihrer Familie mit einem „geschlechtlichen Ungleichgewicht“ zu tun haben. Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern entfällt zudem die Möglichkeit für die geschützte innerfamiliäre Erfahrung mit Gleichaltrigen des anderen Geschlechts. Brüder lernen geschlechtsspezifische Verhaltensweisen von gleichaltrigen Mädchen erst im Kontakt außerhalb der Familie kennen, für Schwestern trifft entsprechend das gleiche zu.

     An die Position des ältesten und jüngsten Kindes sind altersbedingt Besonderheiten geknüpft. Weil das älteste mehr Verantwortung übernimmt bzw. übernehmen muss, kann es schnell ungewollt zum stellvertretenden Elternteil werden. Im Gegensatz dazu kann das jüngste Kind alle Vorteile genießen, die sich ihm durch die Gegenwart älterer Geschwister bietet - weniger Aufgaben, mehr Schutz und „gebahnte“ Wege durch die zunehmendere Erfahrung seiner Eltern. Die Anliegen an das älteste Kind unterscheiden sich zwangsläufig von denen an die nachfolgenden Geschwister. Auch erhält eine große Schwester vielfach als Mädchen andere Aufgaben als der älteste Bruder. Lassen Sie Ihrem ältesten Kind trotz bestehender Fürsorgepflichten, die Sie ihm übertragen, ausreichend individuelle Freiräume, dann wirken Sie am sichersten der Gefahr seiner Rolle als Ersatzmutter oder -vater entgegen. Sonst hinterlässt diese Funktion möglicherweise den unbewussten Eindruck, dass seine Bedürfnisse unwichtiger sind, als die der jüngeren Geschwister. Der langersehnte Sohn/ Tochter nach vielen Schwestern/ Brüdern hat hingegen große Chance, zum Nesthäkchen mit Ausnahmeposition zu werden. Die engste Bindung entsteht übrigens häufig zwischen den in der Reihenfolge am nächsten stehenden Geschwistern.

     Doch ob Sie nun für zwei oder viele Kinder Verantwortung tragen: für keines dieser Kinder muss sich ein besonderer Nachteil ergeben. Versuchen Sie Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeiten und Aufgaben klar, gerecht und altersabhängig zu verteilen und geben Sie der entwicklungsbedingten und persönlichen Individualität jedes einzelnen Kindes genügend Raum, dann gedeiht Ihr Nachwuchs.

 

Vertiefende und weiterführende Literatur:

Martensen-Larsen O,  Soerrig K (1995) Große Schwester, kleiner Bruder. Prägung durch die Familie. Heyne

Kasten H (1995) Einzelkinder. Aufwachsen ohne Geschwister. Springer

Leman K (2001) Geschwisterkonstellationen. Die Familie bestimmt Ihr Leben. MVG

Toman W (2002) Familienkonstellationen. Ihr Einfluss auf den Menschen. Beck


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Veröffentlicht am 21. Januar 2003

 

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