Thema: Kinder 2
Institut für psychotherapeutische Information


Themen

bulletVon Angst bis Zwang

Literatur

bulletLebensphasen
bulletPsychische Krankheiten
bulletKörper und Psyche
bulletTherapie- Verfahren
bulletEntspannung
bulletHumor

Adressen

bulletPsychotherapie
bulletEltern-Kind
bulletSucht
bulletMedizin + Gesundheit
bulletHilfe + Selbsthilfe
bulletSuchdienste

Wir über uns

bulletImpressum
bulletFAQ
bulletRückmeldungen
bulletStatistik
bulletPartner

E-Mail

amazon.de


Im Dienst der Qualitätssicherung:

Diese Web
Seite ist von der Health On the Net Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies
zu überprüfen

 

 

 

Wir befolgen den HONcode Standard für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen. Kontrollieren Sie dies hier.

HONcode Prinzipien

 


Optimale Bildschirmeinstellung: 1024x768 Pixel.

 

Adoptivkinder und Stiefkinder

Über die Rollen von Kindern in ihren Familien (Teil 2)

Von Dipl.-Psych. Andrea Richter


Adoptivkinder

     Viele Gründe können Anlass sein, dass sich Paare für ein Kind entscheiden, das von seinen biologischen Eltern freigegeben wurde bzw. seine Eltern auf andere Weise verlor. Bis der Entschluss für eine Adoption getroffen ist, durchlaufen diese Paare oft regelrechte Berg- und Talfahrten von Gefühlen. Begründet sich die Entscheidung eher biologisch, weil sie keine eigenen Kinder zeugen können, wird Adoption zur „zweitbesten Lösung“, mit der sich schmerzhafte Erfahrungen der Unfruchtbarkeit verbinden. Hinzu kommt, dass sich Adoptiveltern mit sehr speziellen Themen auseinander setzen müssen. Nicht nur der Nachweis ihrer elterlichen Eignung, um überhaupt eine Adoptionspflegeerlaubnis zu erhalten, bedeutet einen Unterschied zur biologischen Elternschaft. Die „Geburt“ ihres Kindes erfolgt im Gegensatz zu „normalen Eltern“ nicht nach 9 Monaten, sondern plötzlich, nach einer ungewissen Zeit des Wartens und Hoffens. Ein langsames Vorbereiten und Hineinwachsen in die künftige Elternrolle entfällt. Ist dann das neue Familienmitglied in der ihm unbekannten, neuen Welt angekommen, müssen Adoptiveltern und altersabhängig das Kind selbst sehr bewusst den emotionalen Schritt von „adoptiertes“ zu „unser“ Kind gehen. Das kann ein Prozess sein, der alle Beteiligten je nach Alter und Herkunft des Kindes täglich und in den Nachtstunden vor unerwartete Situationen stellt. Ein älteres Kind - und mehr noch, wenn es zusätzlich anderer kultureller Herkunft ist - bringt bereits als kleine Persönlichkeit seine eigenen Erinnerungen, Regeln und Verhaltensmuster mit, die durch sehr bittere Erfahrungen geprägt sein können. All das bestimmt die Eingewöhnungszeit und den gemeinsamen Aufbau einer neuen Beziehung. Zeit, liebevolle Geduld und ein ausgewogenes Maß an Grenzsetzung spielen deshalb bei Adoptiveltern auf anderer Ebene eine wichtige Rolle. Versuchen Eltern die Andersartigkeit, die zum Kontext einer Adoption gehört, zu verdrängen, um die Realität einer alltäglichen Familie herzustellen und aufrecht zu erhalten, laden sie sich und ihren Kindern eine unnötig schwere Last auf, die gegebenenfalls alle Familienmitglieder in die anstrengende Situation bringt, besonders erfolgreich in der Erziehung sein zu müssen.

     Die Akzeptanz des Sonderstatus „wir sind eine Adoptivfamilie“ gewährt mehr Offenheit und bietet allen nahen und fernen Familienangehörigen die Chance, diese Besonderheit in eine besondere Alltäglichkeit zu führen. Vielfach drückt Eltern die unberechtigten Sorge, ihr Kind durch die Information über seine Herkunft möglicherweise verlieren zu können. Zwar setzen sich auch biologisch gezeugte Kinder nicht selten in der Pubertät laut denkend mit dem Verdacht auseinander, ob ihre Eltern wirklich ihre Erzeuger sind. Doch haben diese Diskussionen dann einen ganz anderen Hintergrund als die erwartete oder gefürchtete Frage nach den Wurzeln des eigenen Ursprungs. Erste Aussagen zur Adoption bieten sich im Grunde in einem sehr frühen Alter an, wenn jüngere Kinder z. B. entwicklungsbedingt neugierig danach fragen, ob sie auch im Bauch ihrer Mutter waren. Vergleichbar mit der sexuellen Aufklärung handelt es sich auch hier nicht um einen einmaligen Vorgang, sondern es wird ein Prozess ausgelöst, der je nach Alter des Kindes den normalen Wunsch und das Interesse an mehr Informationen weckt. Früher wurde gesagt: Je später das Kind etwas über sein Herkunft erfährt, desto besser. Zum Glück veränderte sich diese Einstellung. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie einem Kind zumute sein mag, das auf Grund seines Alters plötzlich bemerkt, dass jede Ähnlichkeit zwischen ihm und seinen Eltern fehlt. Geschieht genau das, kommt es - von den Eltern sicher ungewollt - zum Schock für ihr Kind, begleitet von dem ohnmächtigen Gefühl des Vertrauensbruchs und des Entwurzeltseins. Aus dem Grunde ist es empfehlenswert, wenn Adoptiveltern die anfangs erhaltenen Informationen schriftlich festhalten, damit auf spätere Fragen möglichst konkret geantwortet und eine spätere Kontaktaufnahme zu den biologischen Eltern auf Wunsch unterstützt werden kann. Leider erfahren Adoptiveltern relativ wenig über die leiblichen Eltern ihres Kindes; über den Vater ist oft nichts bekannt. Die kontinuierliche, altersgerechte „Informationspreisgabe“ über die Herkunft befreit Adoptiveltern von der anstrengenden Notwendigkeit, spontan und situationsabhängig Geschichten konstruieren zu müssen, die Elemente von Schwarz-Weiß-Malerei enthalten könnten, im Sinne von „gute Eltern - schlechte Eltern“. Sie entgehen so außerdem der wachsenden Gefahr, dass ein beabsichtigter oder unbeabsichtigter Geheimnisverrat durch andere Personen stattfindet und das ausgelöste gegenseitige Misstrauen die Tragfähigkeit der Beziehung zwischen Eltern und Kind auf eine harte Probe stellt. Zusätzlich zu dem Eindruck, auf einmal nirgendwo richtig hinzugehören, stünden Adoptivkinder dann vor der Entscheidung, ob sie sich heimlich auf die Suche nach ihrem Ursprung begeben. Sie geraten in die schmerzhafte Zwickmühle eines Loyalitätskonflikts zwischen ihren sozialen und den unbekannten biologischen Eltern. Ist hingegen die Adoption in der Familie ein offenes, „normales“ Thema, kann sich eine Beziehung der besonderen Art - wie in jeder Familie - zwischen den sozialen Eltern und ihrem Adoptivkind entwickeln.

 

Stiefkinder

     Eine grundsätzliche Empfehlung sei diesem Thema vorangestellt: Reden, reden nochmals reden! Dann muss das Wort „Stiefkind“ nicht, wie leider so häufig, als Sinnbild für Vernachlässigtes herhalten. „Stief-Worte“ umgibt schon aus der Tradition heraus eine negative Wertung. Heutige Stiefmütter und Stiefväter sind mit Märchen groß geworden, die in der Kindheit ein notwendiges Raster für die Unterscheidung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß vermittelten. Gelangt man später durch Veränderungen in der Partnerschaft selbst in die Stiefelternrolle, dann mag dieser negative Beigeschmack in konfliktgeladenen Augenblicken mitschwingen und sogenannten Patchwork-Familien (patch-work = Stückwerk) gerade das Reden erschweren. Trennungsbedingte Veränderungen werden umfassend durch die Anwesenheit von Kindern mitbestimmt. Das Alter der Kinder, die Art und Weise der Trennung, die aktuelle Beziehung der Kinder zu ihren leiblichen Elternteilen und/oder den neuen Partnern, aber auch das Vorleben der Erwachsenen, wie sie miteinander Konflikte und Schwierigkeiten regeln, beeinflussen das gegenwärtige und künftige Miteinander. Erwägen getrennte Eltern den erneuten Schritt zu einer Partnerschaft und kommen eventuell zu „meinen“ auch „deine“ Kinder hinzu, dann muss aus vorhandenen Einzelteilen ein neues Familienbild zusammengesetzt werden - eine Herausforderung für alle Beteiligten, die Teile der persönlichen Vergangenheit mit noch zu gestaltenden Teilen zusammen zu fügen. Es macht Sinn, dieses Zusammensetzen so oft wie möglich wörtlich zu nehmen. Viele Dinge gilt es sofort zu regeln, einige werden mit Einkehr eines veränderten Alltags möglicherweise erst zum Stolper- und anschließend zum Prüfstein. Bekanntlich sitzt ja der Teufel im Detail. Deshalb finden Sie an dieser Stelle einige allgemeine Anregungen, die Ihren individuellen Prozess unterstützen können. Der Austausch über liebgewonnene Rituale, alltägliche Abläufe und Gewohnheiten, die jeder für sich als positiv und sinnvoll erlebte und künftig fortführen möchte, braucht Raum und Zeit. Gleiches gilt für die konkrete Umsetzung von Neuerungen. Gönnen und gestatten Sie sich gegenseitig ausreichend Gelegenheit zum Ausprobieren und zur Tauglichkeitsprüfung von getroffenen Entscheidungen. Das kann verhindern, dass Kinder unbeabsichtigt zwischen die Fronten der Erwachsenen geraten, wenn z. B. die Frage der künftigen Rollenverteilung zwischen den leiblichen Eltern und den neuen Partnern so zeitig wie möglich thematisiert wurde. Was darf die neue Mutter, der neue Vater entscheiden, welche Entscheidungen bleiben den leiblichen Eltern vorbehalten? Wer darf welche Grenzen in der Erziehung der Kinder setzen, auf welche Weise wird gelobt? Wer hat welche Erwartungen an den jeweils anderen - sowohl als Partner, als auch als Erziehender? Gerade dieser Bereich kann zum schmerzhaften Stolperstein werden, der dem Kind ein großes Maß an Loyalität dem jeweiligen Elternteil gegenüber abverlangen könnte und mit der es - oft in anstrengendem Verhalten spürbar - schlicht überfordert ist. Das geschieht häufig dann, wenn ein Erziehender als Alltagsmanager fungieren muss, während der andere ausschließlich den Besucherstatus mit all seinen Vor- und Nachteilen inne hat. Entzieht sich ein Elternteil einer abgesprochenen Verantwortung, ist dessen verbale Abwertung in Anwesenheit des Kindes ein sehr zweischneidiges Schwert, das eher langfristig verletzt, als aktuelle Probleme lösen hilft.

     Zum Neuaufbau einer Familie gehören auch Gedanken über die künftige Gestaltung von Urlauben, Feier- oder Geburtstagen und der Kontakte zu möglichen Verwandten und den Großeltern. Versuchen Sie Ihre Kinder, sofern sie auf Grund ihres Alters dazu in der Lage sind, in möglichst viele Gespräche einzubeziehen, um so ihre Ideen und Meinungen kennen, verstehen und akzeptieren zu lernen. Denn die Kinder müssen sich mit dem überwiegenden Teil der Entscheidung ihrer Eltern zwangsläufig arrangieren. J. F. Kennedy sagte sehr treffend: „Für einen Versuch ist es nie zu früh, für eine Aussprache niemals zu spät.“


Vertiefende und weiterführende Literatur:

Langner V-M (1996) Die etwas andere Familie. Über das Zusammenleben von Stiefeltern und Stiefkindern. Goldmann

Richter A (2003) Einzelkinder und Geschwisterkonstellationen. Über die Rollen von Kindern in ihren Familien (1). IPSIS

Swihart JJ, Brigham  SL (1993) Kinder nach der Scheidung. Ein Ratgeber für Eltern und Erzieher. KTB Sachbuch. Derzeit vergriffen, ggf. gebraucht erhältlich.

Weyer M (1992) Die Adoption fremdländischer Kinder. Erfahrungen und Orientierungshilfen. Quell. Derzeit vergriffen, ggf. gebraucht erhältlich.

Wiemann I (1994) Ratgeber Adoptivkinder. Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven. Rowohlt

Wiemann I, Jablonski V (2000) Pflege- und Adoptivkinder. Familienbeispiele, Informationen, Konfliktlösungen. Rowohlt

Wolf D (2001) Wenn der Partner geht. Wege zur Bewältigung von Trennung und Scheidung. PAL


Seitenanfang

Veröffentlicht am 10. Februar 2003

 

Copyright © 1999-2010 by IPSIS® Institut für psychotherapeutische Information

info@ipsis.de    webmaster@ipsis.de