Thema: Mobbing (Schule)
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Mobbing in der Schule

Über Hintergründe und zum Umgang mit Gewalt und Rückzug

Von Dipl.-Psych. Andrea Richter

 

     Gegenwärtig ist das Thema Mobbing an Schulen wieder verstärkt in den Medien präsent. Brutale Vorfälle in Berufsschulen nahmen ein derart erschütterndes Ausmaß an, dass schwer weggesehen werden kann. Die Rufe nach präventiven Maßnahmen zur Verhinderung werden dementsprechend lauter. Denn nicht nur an Berufsschulen findet Mobbing statt. Viele betroffene Eltern ahnen oder wissen um den traurigen, aber realen Alltag an vielen Schulen, über den ihre Kinder eher schweigen, als zu sprechen wagen. Und das, obwohl sie ganz offensichtlich mit schulischen Schwierigkeiten hadern. Oft hindert Scham die Betroffenen, derartige Vorfälle zu Hause oder in der Schule publik zu machen. Sie schweigen aus Angst, dass die anschließende Initiative der Erwachsenen die Pein bei bekannt werden mehr verstärken statt beenden könnte. Deshalb ertragen viele Kinder und Jugendliche verbale und körperliche Attacken ihrer Mitschüler über einen langen Zeitraum. Fragen nach der Schule werden immer ausweichender und interessenloser beantwortet. Motivation und Leistungsbereitschaft verschlechtern sich messbar, während gleichzeitig die Tendenz steigt, dieser belastenden Situation aus dem Wege zu gehen.

     Gemobbte Schüler klagen über psychosomatische Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Bauch- oder Kopfschmerzen, um sich über die Möglichkeit einer Krankschreibung entschuldigt vor dem Schulbesuch zu schützen. Je intensiver sie sich gemobbt fühlen, umso mehr häufen sich unentschuldigte Fehlstunden. Als letzte Alternative nehmen sie dann Zuflucht in eine grundsätzliche Schulverweigerung, als Ausdruck für ihren vollständigen sozialen Rückzug.

     Mobbing kommt in allen Altersstufen vor. Während in den ersten Schuljahren eher Geschicklichkeit und Sportlichkeit über Ausgrenzung bzw. Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gruppe entscheiden, bestimmen in den älteren Klassenstufen zunehmend provokatives Auftreten gegenüber Erwachsenen, Markenkleidung, Modetrends und der Besitz von Technik den Stand eines Kindes in seiner Klasse.

     Je älter Schüler werden, desto differenziert geschlechtsspezifischer mobben sie. Jungen agieren ihre Aggressivität zumeist offen verbal und tätlich aus. Mädchen nutzen überwiegend subtilere Möglichkeiten, in dem sie Gerüchte verbreiten, bestehende Freundschaften manipulieren oder für soziale Isolierung der Mitschüler innerhalb einer Gruppe sorgen. Diese traumatisierenden Erscheinungsformen sind Ergebnis eines langen Prozesses, den Mobbing-Opfer nur mit Unterstützung von außen beenden können. Zu diesem Zeitpunkt sind sie nicht mehr in der Lage, sich selbständig und allein zu wehren.

     Unabhängig davon, in welchem Alter und über welche Verhaltensweise sich der Rückzug Ihres Kindes andeutet, sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Kind suchen und dessen Erzählungen ernst nehmen, mit der Absicht, das Verhalten Ihres Kindes als Vertrauensperson zu verstehen, ohne es in Frage zu stellen. Meist entsteht dann auf Grund der Betroffenheit die Idee, dass schnellsten ein deutliches Wort mit den Tätern die Situation ein für allemal klären könnte. Bestimmt wäre das ein notwendiger Schritt, jedoch zum falschen Zeitpunkt, da er möglicherweise die Qual der Betroffenen verstärkt. Um Mobbing zu beenden, bedarf Ihr Kind zwar unbedingt Ihre Stärkung und Unterstützung, die aber nur verändern hilft, wenn parallel dazu eine Zusammenarbeit mit der Schule stattfindet.

     Das Phänomen Mobbing macht sich nicht vordergründig an einer typischen Persönlichkeitsstruktur im Sinne eines Mobbing-Profils fest. Es ist Ergebnis vieler Bausteine, die letztendlich von den Schülern ausagiert werden. Gleichwohl sind eher angepasste und ängstliche Schüler bevorzugtes Opfer derartiger Attacken. Abhängig davon, welche Verhaltensnormen ein Kind in seiner eigenen Familie vermittelt bekommt, verfügt es über soziale Gewandtheit und geeignetes Handwerkszeug, entweder Tätern angemessen die Stirn zu bieten oder sich zurückzuziehen. Auch andersartiges oder auffälliges Aussehen, körperliches Ungeschick bzw. geringe Frustrationsgrenzen prädestinieren für diese Rolle eines Mobbingopfers.

     Eine weitere Ursache für Mobbing liegt leider häufig in der Zusammensetzung der Lehrer in den jeweiligen Schulen. Sie können je nach pädagogischer Fähigkeit und individuellem Belastungsgrad im Unterricht und in den Pausen hin- bzw. wegsehen, entsprechende Verhaltensweisen entweder als normal oder eben nur als alterstypisch bewerten und damit Vorkommnisse bagatellisieren oder aber ernst nehmen.

     Für den betroffenen Schüler ist die Erfahrung umso grausamer, wenn die Bitte um Unterstützung vom Lehrer als nicht notwendig erachtet wird oder gar die eigene Hilflosigkeit durch dessen Abwertung Verstärkung erfährt. „Hab dich nicht so.“ „Du darfst nicht so zimperlich sein.“ „Du bist doch selbst dran schuld, warum lässt du dich mit denen ein.“ Diese bittere Erfahrung bei der Suche nach Hilfe lehrt Kindern auf fatale Weise, dass Schweigen besser scheint! Eine Hürde, die dann Eltern überspringen müssen, um Vertrauen aufzubauen, damit ihr Kind zu reden beginnt.

     Eine andere Ursache kann in der Struktur der Schule selbst zu finden sein. Abhängig vom Gesamtkonzept – für das die Schulleitung Verantwortung trägt – bestehen grundsätzlich präventive Maßnahmen gegen Gewalt und Mobbing und wird dem Austausch mit Eltern und Schülern genügend Raum gegeben.

     Mobbing ist vor allem das Ergebnis einer gestörten Kommunikation. Während die Täter rückmeldungsfrei weiter ihr grausames Spiel treiben, ohne von den Verantwortlichen deutliche Grenzen für ihre Schikanen gesetzt zu bekommen, isolieren sich die Opfer schweigend. Passive Schüler schauen belustigt oder ratlos zu. Schwelende Konflikte wuchern somit ungelöst bis zur Eskalation weiter unter der Oberfläche. Auf Grund dessen sollten Sie deshalb nie ohne Zustimmung Ihres Kindes zuerst den Kontakt zu den Schülern aufnehmen, die Ihr Kind drangsalieren. Es würde die ganze Situation destruktiv fördern statt unterbinden helfen. Ratsamer ist ein Gespräch mit dem Klassenlehrer bzw. der Schulleitung, um einerseits auf das Problem ihres Kindes aufmerksam zu machen und um andererseits notwendige Informationen über interne Schulabläufe zu erhalten. Oft berichten Kinder, dass sie sich auch von einzelnen Lehrern gemobbt fühlen. Stoßen Sie bei Ihrer Bemühung um ein konstruktives Gespräch auf wenig Interesse, dann sollten Sie sich an die nächst höhere Hierarchieebene wenden, mit der Absicht, den Kreis der erwachsenen und verantwortlichen ‚Mitwisser’ zu erweitern. Auch Elternabende, die Einbeziehung des Schul- bzw. Elternbeirats sind Möglichkeiten, um auf das Problem generell aufmerksam zu machen, weil es häufig bei anderen Eltern nicht bekannt ist, solange es nicht ihre eigenen Kinder betrifft.

     Erfragen Sie in den Gesprächen geplante und konkrete Handlungsstrategien, mit denen innerhalb der Schule gegen Mobbing vorgegangen wird. Wie werden Täter zur Rede gestellt? In welchem Rahmen und durch welche Unterstützung von Lehrer lernen Täter und Opfer anders miteinander umzugehen und Konflikte konstruktiv zu lösen?

     Haben Sie jedoch den Eindruck, dass Ihnen angemessene Unterstützung seitens der Schule fehlt, bleibt oft nur noch der harte Schnitt der Umschulung übrig, den Sie allerdings mit ihrem Kind genau besprechen sollten. Denn als ‚Neue/Neuer’ in einer Klasse besteht zwar die Chance eines Neubeginns – möglicherweise unter besseren Rahmenbedingungen, aber auch als neuer Schüler in einer bereits gewachsenen Klassenstruktur muss Ihr Kind den Mut haben, sich behaupten zu lernen. Nach einem erfolgten Schulwechsel helfen Sie Ihrem Kind durch einen kontinuierlichen Austausch mit den Lehrern und die Auswertung von positiven (!) und kritischen Schulereignissen. Auf diese Weise unterbinden Sie von Beginn an eine mögliche Isolation und helfen Ihrem Kind, mit mehr Mut und Selbstvertrauen Konflikten entgegenzutreten. Fühlt sich ein Kind in ein starkes soziales Netz innerhalb und außerhalb der Schule eingebunden, wird Mobbing ein erforderlicher Nährboden entzogen.

 

Vertiefende und weiterführende Literatur

Hurrelmann K, Rixius N, Schirp H (2000) Gewalt in der Schule. Beltz

Schäfer M, Frey D (1998) Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen. Hogrefe

 

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Veröffentlicht am 3. Juli 2004

 

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